Tennisellenbogen
Laterale Epikondylopathie: keine Entzündung, sondern Tendinopathie – und deshalb sind Kortison-Injektionen langfristig kontraproduktiv.
Was ist der Tennisellenbogen?
Der Tennisellenbogen (Fachbegriffe: Epicondylitis humeri radialis, laterale Epikondylopathie – gemeint ist eine Reizung des Sehnenansatzes an der Außenseite des Ellenbogens) ist eine der häufigsten Überlastungserkrankungen des Bewegungsapparats: Die Häufigkeit in der Allgemeinbevölkerung beträgt 1–3 %, bei bestimmten Berufsgruppen (Handwerker, Büroarbeit mit Maus) bis zu 15 %. Trotz des Namens ist nur ein Bruchteil der Betroffenen Tennisspieler – die Erkrankung betrifft vor allem Personen zwischen 35 und 55 Jahren mit immer wiederkehrenden (repetitiven) Unterarmbewegungen.
Der Begriff „Tennisellenbogen" ist von der zugrunde liegenden Krankheitsentstehung her irreführend: Es handelt sich nicht um eine Entzündung (Fachbegriff: Tendinitis), sondern um eine Sehnenerkrankung mit Verschleiß (Tendinopathie) mit Abnutzungsveränderungen im Sehnengewebe – insbesondere am Ansatz des Muskels, der das Handgelenk streckt (Musculus extensor carpi radialis brevis, kurz ECRB) am äußeren Knochenvorsprung des Ellenbogens (lateraler Epikondylus). Unter dem Mikroskop (histologisch) zeigen sich ein Abbau der Kollagenfasern (also der stabilisierenden Sehnenfasern), eine schleimige Umwandlung des Gewebes (Mukoiddegeneration) und die krankhafte Neubildung kleiner Blutgefäße (pathologische Neovaskularisation), aber keine klassischen Entzündungszeichen. Diese Unterscheidung ist für die Behandlung entscheidend.
- Sehnenerkrankung mit Verschleiß, keine Entzündung – Kortison-Injektionen langfristig schädlich
- Exzentrisches Training (langsames Nachgeben gegen Widerstand) und schweres, langsames Krafttraining (Heavy Slow Resistance) sind die durch Studien belegte (evidenzbasierte) Therapie
- Heilung von selbst (Spontanheilung) in 80–90 % der Fälle innerhalb von 12–18 Monaten
- Operation nur bei Verläufen, die auf die Therapie nicht ansprechen, nach 6–12 Monaten
- AWMF-Leitlinie 2021: Physiotherapie als Erstlinientherapie
Symptome und Diagnose
Das Leitsymptom ist der Druckschmerz am äußeren Knochenvorsprung des Ellenbogens (lateraler Epikondylus, an der Außenseite des Ellenbogens), der sich beim Zurückbeugen des Handgelenks gegen Widerstand (Dorsalextension) und beim Greifen verstärkt. Typisch ist der Schmerz beim Händeschütteln, beim Heben einer Kaffeetasse oder beim Aufdrehen von Schrauben. In fortgeschrittenen Fällen bestehen auch Schmerzen in Ruhe.
Die Diagnose durch die körperliche Untersuchung wird durch den Cozen-Test (Zurückbeugen des Handgelenks gegen Widerstand bei gestrecktem Ellenbogen) und den Chair-Test (Anheben eines Stuhls mit gestrecktem Ellenbogen und nach innen gedrehtem Unterarm, Fachbegriff proniert) gestellt. Der Ultraschall zeigt die Dicke der Sehne, ihre Struktur und die krankhafte Neubildung kleiner Blutgefäße (Neovaskularisation, sichtbar im Doppler-Ultraschall) und ist die bevorzugte Bildgebung für die Verlaufskontrolle. Das MRT (Magnetresonanztomografie, eine Schnittbildaufnahme ohne Röntgenstrahlen) ist bei unklaren Befunden oder vor einer Operation angezeigt.
Behandlung
Der Tennisellenbogen heilt in 80–90 % der Fälle innerhalb von 12–18 Monaten von selbst – aber nicht durch Schonung, sondern durch gezieltes Krafttraining. Kortison-Injektionen (Spritzen mit einem entzündungshemmenden Medikament) sind langfristig eher schädlich und sollten nicht eingesetzt werden.
Warum Kortison-Injektionen schaden
Kortison-Injektionen sind beim Tennisellenbogen weit verbreitet, aber durch hochwertige Studien klar widerlegt. Die wegweisende randomisierte Studie (also eine Studie, bei der die Teilnehmer den Behandlungsgruppen zufällig zugeteilt werden) von Coombes et al. (JAMA 2013, mit 165 Teilnehmern) zeigte: Kortison-Injektionen führen nach 4 Wochen zu einer kurzfristigen Schmerzverringerung, aber nach 26 Wochen zu deutlich schlechteren Ergebnissen als ein Scheinmedikament (Placebo) oder Physiotherapie. Die Rate der Rückfälle (Rezidivrate) war nach Kortison deutlich höher. Bisset et al. (BMJ 2006) kamen zum gleichen Ergebnis: Kortison war nach 52 Wochen der Physiotherapie und dem abwartenden Beobachten unterlegen. Die Erklärung aus Sicht der Krankheitsentstehung: Kortison hemmt die Neubildung der Sehnenfasern (Kollagensynthese) und beschleunigt den Verschleiß des Sehnengewebes – es behandelt eine Sehnenerkrankung mit einem Mittel, das die Sehnen schwächt.
Konservative Therapie: Exzentrisches Training und Heavy Slow Resistance
Die durch Studien belegte Erstbehandlung (Erstlinientherapie) ist ein geordnetes Krafttrainingsprogramm über 12 Wochen. Exzentrisches Training (langsames Absenken des Handgelenks gegen Widerstand) regt die Neubildung der Sehnenfasern (Kollagensynthese) und den strukturellen Umbau des Sehnengewebes an. Schweres, langsames Krafttraining (Heavy Slow Resistance, HSR) – langsames Krafttraining mit hohem Gewicht und schrittweise steigender Last – zeigt in randomisierten Studien gleichwertige oder bessere Ergebnisse und wird von Patienten besser vertragen. Ergänzend: Anpassung der Aktivitäten (Verringerung der auslösenden Belastungen), Dehnungsübungen für die Streckmuskeln des Unterarms, eine Bandage für den Tennisellenbogen (Epicondylitis-Bandage) zur Linderung der Beschwerden. Entzündungshemmende Schmerzmittel ohne Kortison (nichtsteroidale Antirheumatika, kurz NSAR) können kurzfristig zur Schmerzverringerung eingesetzt werden.
Operative Therapie
Eine Operation ist nur bei Verläufen angezeigt, die nach 6–12 Monaten konsequenter nicht-operativer (konservativer) Therapie nicht auf die Behandlung ansprechen. Das Standardverfahren ist das Entfernen des verschlissenen Gewebes am Ansatz des Handstreckmuskels (ECRB-Ursprung) – entweder durch eine Gelenkspiegelung (arthroskopisch) oder über einen offenen Schnitt (Fachbegriff Débridement, also das Ausräumen von krankem Gewebe). Die Ergebnisse sind bei richtiger Auswahl der Patienten gut – aber die Rehabilitation (Nachbehandlung) dauert 3–6 Monate. Eine Operation ersetzt nicht die Rehabilitation.
Häufige Fragen
Helfen Kortison-Spritzen beim Tennisellenbogen?
Kurzfristig ja, langfristig nein. Hochwertige randomisierte Studien (Coombes et al. JAMA 2013, Bisset et al. BMJ 2006) zeigen, dass Kortison nach 6–12 Monaten zu schlechteren Ergebnissen führt als Physiotherapie oder abwartendes Beobachten. Kortison schwächt das Sehnengewebe und erhöht das Risiko für einen Rückfall (Rezidiv).
Wie lange dauert die Behandlung?
Das Krafttrainingsprogramm dauert mindestens 12 Wochen. Viele Patienten berichten nach 6–8 Wochen eine deutliche Besserung. Vollständige Beschwerdefreiheit kann 3–6 Monate dauern. Der Tennisellenbogen heilt in 80–90 % der Fälle von selbst – aber Geduld und konsequentes Training sind entscheidend.
Muss ich beim Training pausieren?
Nein – dosiert (in gut abgestimmter Menge) trainieren ist besser als pausieren. Vollständige Schonung schwächt das Sehnengewebe weiter. Das Krafttraining wird auch unter Schmerzen durchgeführt, jedoch dosiert: Schmerzen bis 5 von 10 auf der Schmerzskala (VAS, eine Skala von 0 = kein Schmerz bis 10 = stärkster Schmerz) sind vertretbar.
- Sie haben einen Tennisellenbogen – dabei ist die Sehne am äußeren Ellenbogen überlastet und verschlissen, es handelt sich nicht um eine Entzündung.
- In 80 bis 90 von 100 Fällen heilt die Erkrankung von selbst, das dauert aber Geduld und braucht gezieltes Krafttraining statt bloßer Schonung.
- Kortison-Spritzen helfen nur kurz und schaden auf lange Sicht, weil sie die Sehne schwächen – deshalb sollten Sie darauf verzichten.
- Bleiben Sie in Bewegung und machen Sie regelmäßig die verordneten Kraftübungen; ein leichter Schmerz beim Training ist dabei erlaubt.
