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Kniechirurgie · Wien & Tulln

Kreuzbandverletzungen

Die häufigste schwere Bandverletzung des Kniegelenks – und eine Therapieentscheidung, die individuell und evidenzbasiert getroffen werden muss.

Medizinische Information · Stand: Juli 2026 · OA Dr. Georg C. Bézard

Anatomie und Biomechanik

Das vordere Kreuzband (VKB, in der Fachsprache Ligamentum cruciatum anterius) ist der wichtigste Stabilisator des Kniegelenks. Es verhindert, dass das Schienbein gegenüber dem Oberschenkelknochen nach vorne gleitet, und bremst auch Drehbewegungen ab. Es besteht aus zwei funktionellen Bündeln – dem anteromedialen (vorne-innen liegenden) und dem posterolateralen (hinten-außen liegenden) Bündel –, die bei unterschiedlichen Beugegraden des Knies gespannt sind und so über den gesamten Bewegungsumfang für Stabilität sorgen. Das hintere Kreuzband (HKB) wird deutlich seltener verletzt und wird hier nicht gesondert behandelt.

Der Riss (die Ruptur) des vorderen Kreuzbandes ist eine der häufigsten schweren Sportverletzungen: Die Häufigkeit (Inzidenz) liegt bei bis zu 68,6 pro 100.000 Personen pro Jahr. Frauen haben ein zwei- bis achtfach höheres Verletzungsrisiko als Männer, was auf Unterschiede im Aufbau und der Bewegung (biomechanische), in der Steuerung der Muskeln durch die Nerven (neuromuskuläre) sowie auf hormonelle Unterschiede zurückgeführt wird. 70–80 % der Risse entstehen ganz ohne Gegnerkontakt – durch ein Verdrehen des Knies bei fixiertem Fuß, typischerweise beim Landen nach einem Sprung, beim abrupten Richtungswechsel oder beim Abbremsen. Klassische Sportarten sind Fußball, Handball, Basketball und Skifahren.

Auf einen Blick
  • Typisch: hörbares „Ploppen", rasche Schwellung, Gefühl von Instabilität (das Knie fühlt sich unsicher an)
  • In 40–60 % der Fälle bestehen Begleitverletzungen: am Meniskus (der knorpeligen Pufferscheibe im Knie), am Knorpel oder an den Seitenbändern
  • Bei ausgewählten Patienten ist eine Behandlung ohne Operation (konservative Therapie) gleichwertig (KANON-, COMPARE-Studie)
  • Junge, aktive Patienten mit Instabilität profitieren eindeutig vom Wiederaufbau des Bandes (Rekonstruktion)
  • Rückkehr zu Sportarten mit schnellen Drehbewegungen (Pivoting-Sport) frühestens nach 9 Monaten und erst nach bestandenen Funktionstests

Symptome

Das akute Ereignis ist oft eindrücklich: Viele Patienten berichten von einem hörbaren oder spürbaren „Ploppen" im Knie, gefolgt von sofortigem Schmerz und einer innerhalb von Stunden einsetzenden ausgeprägten Schwellung (ein sogenannter Hämarthros, das heißt eine Einblutung in das Gelenk). Das Knie fühlt sich instabil an – das charakteristische „Giving-way"-Phänomen, bei dem das Knie unter dem Körper wegknickt.

Im weiteren Verlauf stehen Instabilität und Unsicherheit auf unebenem Boden im Vordergrund. Patienten mit hohem Aktivitätsniveau berichten von Angst vor erneuten Verdrehereignissen, die ohne stabilisierende Operation zu Folgeschäden am Meniskus (der knorpeligen Pufferscheibe) und am Knorpel führen können.

Diagnose

Die körperliche Untersuchung liefert bereits eine sehr genaue Einschätzung. Der Lachman-Test (dabei prüft der Arzt, wie weit sich das Schienbein bei 20–30° Beugung nach vorne verschieben lässt) ist der empfindlichste (sensitivste) klinische Test für den frischen Kreuzbandriss, mit einer Trefferquote (Sensitivität) von über 85 %. Der vordere Schubladentest (bei 90° Beugung) ist weniger empfindlich, aber einfach durchführbar. Der Pivot-Shift-Test löst die Drehinstabilität gezielt aus und ist sehr aussagekräftig (hochspezifisch) – er entspricht dem, was der Patient selbst als Instabilitätsgefühl erlebt.

Die MRT (Kernspintomographie, eine Schnittbild-Untersuchung ohne Röntgenstrahlen) ist das genaueste bildgebende Verfahren (der Goldstandard): Sie bestätigt den Kreuzbandriss mit einer Trefferquote (Sensitivität) von 90–98 % und zeigt gleichzeitig Begleitverletzungen – Risse am Meniskus (der knorpeligen Pufferscheibe, in bis zu 50 % der Fälle), Knorpelschäden und Verletzungen der Seitenbänder. Die Kombination aus Kreuzbandriss, Innenmeniskusriss und Innenbandverletzung wird klassisch als „Unhappy Triad" (unglückliche Dreierkombination) bezeichnet. Röntgenaufnahmen dienen dazu, knöcherne Begleitverletzungen auszuschließen (eine sogenannte Segond-Fraktur, ein kleiner Knochenausriss, gilt als indirektes Zeichen eines Kreuzbandrisses).

Behandlung

Die Therapieentscheidung ist individuell und hängt von Alter, Aktivitätsniveau, dem Ausmaß der Instabilität, den Begleitverletzungen und dem Wunsch des Patienten ab. Nicht jeder Kreuzbandriss muss operiert werden – aber junge, sportlich aktive Patienten mit Instabilität profitieren eindeutig vom Wiederaufbau des Bandes (Rekonstruktion).

Konservative Therapie

Die wegweisende KANON-Studie (Frobell et al., NEJM 2010) und die COMPARE-Studie (Reijman et al., BMJ 2021) haben gezeigt, dass eine strukturierte Rehabilitation (gezieltes Aufbautraining) mit einer optional später möglichen Operation bei sorgfältig ausgewählten Patienten vergleichbare Langzeitergebnisse erzielen kann wie eine sofortige Operation. Die KANON-Studie fand nach 5 Jahren keine bedeutsamen (signifikanten) Unterschiede in Kniefunktion, Lebensqualität und Entwicklung eines Gelenkverschleißes (Arthrose) zwischen sofortiger Operation und Rehabilitation mit optional verzögerter Operation.

Für die Behandlung ohne Operation (konservative Therapie) geeignet sind Patienten mit geringen sportlichen Anforderungen (keine Sportarten mit schnellen Drehbewegungen), ohne bedeutsame Begleitverletzungen und mit einem Knie, das sich im Alltag stabil anfühlt. Die konservative Therapie umfasst ein strukturiertes Rehabilitationsprogramm in drei Phasen: die Akutphase (Reduktion der Schwellung, Wiederherstellung der vollen Streckung), die Stabilisationsphase (Kräftigung des Oberschenkelstreckers (Quadrizeps) und der rückseitigen Oberschenkelmuskeln (ischiokrurale Muskeln), Training des Zusammenspiels von Nerven und Muskeln) und den funktionellen Aufbau (sportartspezifisches Training). Entscheidend ist die konsequente Durchführung über mindestens 3–6 Monate.

Operative Rekonstruktion (Kreuzbandplastik)

Der Wiederaufbau des Kreuzbandes (die Rekonstruktion) ist angezeigt (indiziert) bei jungen, sportlich aktiven Patienten mit Instabilität, bei Begleitverletzungen (Meniskusrissen, die gleichzeitig versorgt werden müssen), bei anhaltender Instabilität trotz Behandlung ohne Operation sowie bei Patienten, die zu Sportarten mit schnellen Drehbewegungen zurückkehren möchten. Die Leitlinie der amerikanischen Orthopädengesellschaft (AAOS-Leitlinie 2022) empfiehlt bei Vorliegen einer Operationsindikation einen frühzeitigen Wiederaufbau, um das Risiko zusätzlicher Knorpel- und Meniskusverletzungen zu senken.

Das gerissene Band wird durch eine Gelenkspiegelung (Arthroskopie, eine minimal-invasive Operation über kleine Hautschnitte) durch eine körpereigene Sehne (Autograft) ersetzt. Die AAOS-Leitlinie 2022 empfiehlt eine körpereigene Sehne (Autograft) gegenüber einer Spendersehne (Allograft), insbesondere bei jungen und aktiven Patienten, da hier seltener ein erneutes Versagen auftritt. Zur Auswahl des Transplantats (der Ersatzsehne):

  • Semitendinosus-Gracilis-Sehne (STG/Hamstring, eine Sehne der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur): geringere Beschwerden an der Entnahmestelle, weniger Schmerzen an der Knievorderseite, etwas höhere Versagensrate bei sehr jungen Patienten
  • Patellarsehne (BTB, die Sehne der Kniescheibe): ein Knochen-Sehne-Knochen-Transplantat, das über Knochen einheilt, mit stabilen Langzeitergebnissen, aber höherem Risiko für Schmerzen an der Knievorderseite und Beschwerden an der Kniescheibe
  • Quadrizepssehne (die Sehne des Oberschenkelstreckers): zunehmend beliebt, gute Ergebnisse, geringere Beschwerden an der Entnahmestelle als bei der Patellarsehne (BTB)

Die Wahl des Transplantats (der Ersatzsehne) wird individuell getroffen, abhängig von Alter des Patienten, Sportart, den anatomischen Gegebenheiten und der Erfahrung des Operateurs. Diese Entscheidung treffe ich gemeinsam mit dem Patienten nach ausführlicher Aufklärung.

Rehabilitation und Rückkehr zum Sport

Die Rehabilitation (das gezielte Aufbautraining) nach dem Wiederaufbau des Kreuzbandes ist ebenso wichtig wie die Operation selbst. Sie erfolgt in festgelegten Phasen: der Akutphase (Abschwellen, Wiederaufbau der Beweglichkeit, frühes Aktivieren des Oberschenkelstreckers (Quadrizeps)), der Kraftaufbauphase (schrittweise gesteigertes Krafttraining, Training des Zusammenspiels von Nerven und Muskeln), der sportartspezifischen Phase (Laufen, Sprünge, Richtungswechsel) und der Phase der Rückkehr zum Sport (Return-to-Sport-Phase).

Die Rückkehr zu Sportarten mit schnellen Drehbewegungen (Pivoting-Sportarten wie Fußball, Handball, Basketball, Skifahren) sollte frühestens nach 9 Monaten und erst nach bestandenen standardisierten Funktionstests erfolgen. Eine zu frühe Rückkehr erhöht das Risiko eines erneuten Risses erheblich – Grindem et al. (Br J Sports Med 2016) zeigten, dass Patienten, die vor Ablauf von 9 Monaten zum Sport zurückkehren, ein 4-fach erhöhtes Risiko für einen erneuten Riss (Rerupturrisiko) haben. Die Funktionstests umfassen Kraftmessungen (der Vergleich beider Beine, der Symmetrie-Index, sollte mindestens 90 % betragen), Sprung- und Hopptests sowie die psychologische Bereitschaft. Diesen Prozess begleite ich mit festgelegten Zwischenzielen (Meilensteinen).

Häufige Fragen

Kann ein Kreuzbandriss ohne OP heilen?

Das gerissene Band selbst wächst in der Regel nicht stabil wieder zusammen. Ein Teil der Patienten erreicht jedoch mit konsequenter Rehabilitation (gezieltem Aufbautraining) ein funktionell stabiles Knie ohne Operation – die Entscheidung hängt von Alter, sportlichem Anspruch, dem Ausmaß der Instabilität und den Begleitverletzungen ab. Die KANON- und COMPARE-Studien belegen, dass bei ausgewählten Patienten die Behandlung ohne Operation (konservative Therapie) gleichwertige Ergebnisse liefert.

Welches Transplantat ist das beste?

Es gibt kein grundsätzlich „bestes" Transplantat (keine grundsätzlich beste Ersatzsehne). Die Wahl hängt von Alter, Sportart, den anatomischen Gegebenheiten und individuellen Faktoren ab. Körpereigene Sehnen (Autografts) sind Spendersehnen (Allografts) bei jungen aktiven Patienten überlegen. Die Wahl zwischen der Sehne der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur (Hamstring), der Kniescheibensehne (Patellarsehne) und der Sehne des Oberschenkelstreckers (Quadrizepssehne) treffe ich gemeinsam mit dem Patienten.

Wann kann ich nach der Kreuzband-OP wieder Sport machen?

Bürotätigkeit ist oft nach 1–2 Wochen wieder möglich, Radfahren nach 6 Wochen, Joggen nach 3–4 Monaten. Die Rückkehr zu Sportarten mit schnellen Drehbewegungen (Pivoting-Sportarten wie Fußball, Handball, Ski) ist frühestens nach 9 Monaten und nur nach bestandenen Funktionstests möglich. Eine zu frühe Rückkehr erhöht das Risiko eines erneuten Risses (das Rerupturrisiko) erheblich.

Was passiert, wenn ich einen Kreuzbandriss nicht behandle?

Bei anhaltender Instabilität drohen wiederholte Verdrehereignisse mit Folgeschäden am Meniskus (der knorpeligen Pufferscheibe) und am Knorpel – und damit langfristig ein erhöhtes Risiko für Gelenkverschleiß (Arthrose). Patienten, die auf Sportarten mit schnellen Drehbewegungen verzichten und ein stabiles Knie entwickeln, können auch ohne Operation gut leben. Patienten mit anhaltender (persistierender) Instabilität sollten jedoch operiert werden.

Fazit – das Wichtigste für Sie
  • Sie haben sich das vordere Kreuzband im Knie gerissen. Das ist eine häufige, aber ernste Verletzung, die oft beim Sport mit schnellen Drehbewegungen passiert.
  • Nicht jede Kreuzbandverletzung muss operiert werden. Ob eine Operation oder eine Behandlung mit gezieltem Training (Physiotherapie) für Sie besser ist, hängt von Ihrem Alter, Ihrer sportlichen Aktivität und davon ab, wie stabil sich Ihr Knie im Alltag anfühlt.
  • Wenn Sie jung und sportlich aktiv sind und Ihr Knie instabil ist oder wegknickt, ist meist eine Operation sinnvoll, um Folgeschäden an Meniskus und Knorpel zu vermeiden.
  • Egal ob mit oder ohne Operation: Eine konsequente Rehabilitation ist entscheidend. Zu Sportarten mit schnellen Richtungswechseln sollten Sie frühestens nach 9 Monaten und erst nach bestandenen Funktionstests zurückkehren.
OA Dr. Georg C. Bézard
OA Dr. Georg C. Bézard
Facharzt für Orthopädie und Traumatologie · Facharzt für Unfallchirurgie · Wien & Tulln

Literatur & Evidenz

  1. Frobell RB, Roos HP, Roos EM, Ranstam J, Lohmander LS. A randomized trial of treatment for acute anterior cruciate ligament tears. N Engl J Med 2010;363:331–342. PMID: 20660394
  2. Reijman M, Eggerding V, van Es E, et al. Early surgical reconstruction versus rehabilitation with elective delayed reconstruction for patients with anterior cruciate ligament rupture: COMPARE randomised controlled trial. BMJ 2021;372:n375. PMID: 33568439
  3. American Academy of Orthopaedic Surgeons (AAOS). Clinical Practice Guideline: Management of Anterior Cruciate Ligament Injuries. 2022.
  4. Grindem H, Snyder-Mackler L, Moksnes H, Engebretsen L, Risberg MA. Simple decision rules can reduce reinjury risk by 84% after ACL reconstruction: the Delaware-Oslo ACL cohort study. Br J Sports Med 2016;50:804–808. PMID: 27162233
  5. Kohn L, Rembeck E, Rauch A. Anterior cruciate ligament injury in adults: Diagnostics and treatment. Dtsch Arztebl Int 2020;117:763–770. PMID: 33502284
  6. Pinczewski LA, Lyman J, Salmon LJ, Russell VJ, Roe J, Linklater J. A 10-year comparison of anterior cruciate ligament reconstructions with patellar tendon and hamstring tendon autograft. Am J Sports Med 2007;35:1064–1073. PMID: 17303726
  7. Wright RW, Haas AK, Anderson J, et al. Return to sport tests and criteria following an anterior cruciate ligament reconstruction: a systematic review. Br J Sports Med 2025;59:4–11. PMID: 36096698
  8. Myklebust G, Engebretsen L, Braekken IH, Skjølberg A, Olsen OE, Bahr R. Prevention of anterior cruciate ligament injuries in female team handball players: a prospective intervention study over three seasons. Clin J Sport Med 2003;13:71–78. PMID: 12629420
  9. Vaudreuil NJ, Rothrauff BB, de Sa D, Musahl V. The pivot shift: current experimental methodology and clinical utility for anterior cruciate ligament rupture. Sports Med Arthrosc Rev 2019;27:12–18. PMID: 30707736
  10. AWMF. S1-Leitlinie Vordere Kreuzbandruptur. Registernummer 187-012. 2018 (in Überarbeitung).

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