Sehnenverletzungen der Hand
Beuge- und Strecksehnen der Hand: Zoneneinteilung, Primärnaht und frühfunktionelle Nachbehandlung als Grundprinzipien der modernen Handchirurgie.
Anatomie und Bedeutung
Die Sehnen der Hand sind die mechanischen Verbindungsstränge, die die Kraft von den Muskeln des Unterarms auf die Fingerknochen übertragen. Die Beugesehnen (Flexoren, also die Sehnen, die die Finger krümmen) ermöglichen das Greifen, die Strecksehnen (Extensoren, also die Sehnen, die die Finger strecken) das Öffnen der Hand. Verletzungen dieser Sehnen führen dazu, dass der betroffene Finger nicht mehr aktiv gebeugt oder gestreckt werden kann – mit erheblichen Folgen für die Handfunktion.
Die Häufigkeit von Beugesehnenverletzungen (Neuerkrankungen pro Jahr) liegt bei etwa 1 % aller Handverletzungen. Verletzungen der Strecksehnen treten häufiger auf. Betroffen sind vor allem Männer zwischen 20 und 29 Jahren. Ursachen: Schnittverletzungen (die häufigste Ursache bei Beugesehnen), Stich- und Rissverletzungen, Sportunfälle und Stürze.
- Einteilung in Zonen nach Verdan (für Beugesehnen) und nach Kleinert/Verdan (für Strecksehnen)
- Erstnaht der Sehne (die Naht in einem Eingriff kurz nach der Verletzung) innerhalb von 14 Tagen – danach sind die Ergebnisse deutlich schlechter
- Zone II (bei Beugesehnen): das sogenannte „Niemandsland" – hier sind die Anforderungen an Operation und Nachbehandlung am höchsten
- Ein frühzeitiges, angeleitetes Bewegen (Mobilisation) ab dem 3. bis 7. Tag ist entscheidend, um Verklebungen (Adhäsionen, also ein Verkleben der Sehne mit dem umliegenden Gewebe) zu vermeiden
- WALANT-Technik ermöglicht intraoperative Funktionskontrolle
Diagnose
Die Diagnose wird durch die Untersuchung gestellt: Befragung zum Unfallhergang (Anamnese), Betrachtung der Handform und der Ruhehaltung (Spontanhaltung; bei einer Beugesehnenverletzung steht der betroffene Finger von selbst gestreckt), sowie gezielte Funktionstests. Für die tiefe Beugesehne (FDP, die Sehne, die das Fingerendglied krümmt): Wird das Mittelgelenk festgehalten, ist ein aktives Beugen des Endgelenks nicht möglich. Für die oberflächliche Beugesehne (FDS, die Sehne, die das Mittelglied krümmt): Werden alle anderen Finger festgehalten, ist ein aktives Beugen des Mittelgelenks nicht möglich. Eine Untersuchung der Nerven ist zwingend erforderlich – Nervenverletzungen treten häufig zusammen mit Sehnenverletzungen auf. Zusätzlich wird eine Röntgenaufnahme gemacht, um eine Beteiligung des Knochens auszuschließen.
Die Einteilung in Zonen nach Verdan ist entscheidend für die Planung der Behandlung: Zone II (der Bereich zwischen dem A1-Ringband, einem Halteband der Sehne, und dem Ansatz der oberflächlichen Beugesehne FDS) gilt als „Niemandsland" – hier verlaufen beide Beugesehnen eng nebeneinander, Verklebungen (Adhäsionen) sind häufig, und die Anforderungen an Operation und Nachbehandlung sind am höchsten.
Behandlung
Bei Verletzungen der Beugesehnen ist fast immer eine Operation angezeigt. Die besten Ergebnisse werden erzielt, wenn die Sehne innerhalb von 14 Tagen erstmals genäht wird (Primärnaht). Verzögerungen verschlechtern die Aussichten auf eine gute Heilung erheblich.
Operative Therapie: Sehnennaht
Die Naht der Sehne erfolgt unter Vergrößerung mit einer Lupe und mit besonders gewebeschonender Technik (atraumatisch, also ohne zusätzliche Schädigung des Gewebes). Ziele sind: eine hohe Belastbarkeit der Naht, ein erhaltenes Gleiten der Sehne und ein spannungsfreies Zusammenfügen der Sehnenenden. Die Vierstrang-Kernnaht (eine abgewandelte Form der Kirchmayr-Kessler-Technik, bei der die Sehne mit vier Fadensträngen im Inneren stabilisiert wird) ist der Standard – sie ist stabil genug, um früh mit dem angeleiteten Bewegen beginnen zu können. Ergänzt wird sie durch eine feine Naht an der Sehnenoberfläche (epitendinöse Feinadaptation). Die WALANT-Technik (Wide Awake Local Anesthesia No Tourniquet, also eine Operation bei wachem Patienten mit örtlicher Betäubung und ohne Blutsperre) ermöglicht es, die Sehnennaht während der Operation zu überprüfen, indem der wache Patient den Finger aktiv bewegt – ein wichtiger Schritt zur Sicherung der Qualität.
Bei den Strecksehnen: Zone 1 (das Fingerendgelenk) wird zunächst ohne Operation behandelt (mit einer Stack-Schiene, einer speziellen Fingerschiene, über 6 Wochen). Alle anderen Zonen werden operativ versorgt.
Nachbehandlung: Frühfunktionelle Mobilisation
Das frühzeitige, angeleitete Bewegen ab dem 3. bis 7. Tag nach der Operation ist entscheidend, um Verklebungen (Adhäsionen) zu vermeiden und das Gleiten der Sehne wiederherzustellen. Das Kleinert-Schema (aktives Strecken durch den Patienten, passives Beugen mithilfe von Gummibändern) und das Washington-Regime (aktives Strecken und kontrolliertes aktives Beugen) sind die bewährten Nachbehandlungspläne. Eine Übersichtsarbeit der Cochrane-Gruppe (Peters et al. 2021), die mehrere Studien zusammenfasst, kam zu dem Ergebnis: Das frühzeitige, angeleitete Bewegen ist der Ruhigstellung überlegen.
- Bei Ihnen ist eine Sehne in der Hand verletzt, wodurch Sie den betroffenen Finger nicht mehr richtig beugen oder strecken können.
- Meist ist eine Operation nötig, und das beste Ergebnis erreicht man, wenn diese innerhalb von zwei Wochen nach der Verletzung erfolgt.
- Warten Sie deshalb nicht ab, sondern lassen Sie die Hand rasch von einem Arzt untersuchen.
- Nach der Operation ist es wichtig, dass Sie die Hand nach Anleitung schon früh vorsichtig bewegen, damit sie wieder gut beweglich wird.
