Oberarm- & Schlüsselbeinbrüche
Proximale Humerusfraktur und Klavikulafraktur: häufige Verletzungen mit klaren Therapieprinzipien – und einem Wandel hin zu mehr konservativer Behandlung.
Proximale Humerusfraktur (Oberarmbruch)
Der Bruch am oberen Ende des Oberarmknochens (körpernaher Oberarmbruch, direkt unterhalb der Schulter) ist der dritthäufigste Knochenbruch bei Patienten über 60 Jahren – nach dem Wirbelbruch und dem Bruch der Speiche nahe dem Handgelenk – und macht 4–6 % aller Knochenbrüche im Erwachsenenalter aus. Er ist häufig ein Hinweis auf eine bestehende Osteoporose (Knochenschwund, bei dem die Knochen an Festigkeit verlieren). Das Verhältnis von Frauen zu Männern beträgt etwa 7:3. Typischer Ablauf: ein Sturz auf die ausgestreckte Hand oder direkt auf die Schulter.
Die Einteilung erfolgt nach Neer: Der Bruch wird in 2-, 3- oder 4-Teile-Brüche eingeteilt, je nachdem, wie viele der Hauptbruchstücke gegeneinander verschoben (disloziert) sind. Diese Hauptbruchstücke sind der Oberarmkopf, der große Knochenhöcker (Tuberculum majus), der kleine Knochenhöcker (Tuberculum minus) und der Oberarmschaft. Für die Planung vor einer Operation ist die Computertomografie (CT, eine Schnittbild-Röntgenuntersuchung) mit dreidimensionaler Darstellung zwingend erforderlich.
- Häufigster Bruch im Schulterbereich bei älteren Menschen – oft ein Hinweis auf Knochenschwund (Osteoporose)
- Nicht oder nur geringfügig verschobene Brüche: die Behandlung ohne Operation ist gleichwertig zur Operation (PROFHER-Studie)
- Gründe für eine Operation: stark verschobene 3- und 4-Teile-Brüche bei jüngeren Patienten
- Bruch des Schlüsselbeins im mittleren Drittel: bei nicht verschobenen Brüchen ist die Behandlung ohne Operation der Standard
- Verschobene Schlüsselbeinbrüche: eine Verplattung des Knochens (Fixierung mit einer Metallplatte) verringert das Risiko, dass der Bruch nicht zusammenheilt (Pseudarthrose, bei der sich ein falsches Gelenk bildet)
Therapie der proximalen Humerusfraktur
Konservative Therapie
Die richtungsweisende PROFHER-Studie (Handoll und Kollegen, veröffentlicht im New England Journal of Medicine 2015, mit 250 Teilnehmern) zeigte über einen Zeitraum von 2 Jahren keine bedeutsamen Unterschiede in der Beweglichkeit der Funktion und in der Lebensqualität zwischen der operativen und der nicht-operativen Behandlung bei 2- und 3-Teile-Brüchen. Die Behandlung ohne Operation ist daher bei nicht oder nur geringfügig verschobenen Brüchen die Methode der Wahl. Sie umfasst die Ruhigstellung in einer Armschlinge (Gilchrist-Verband) für 1–3 Wochen, gefolgt von früh beginnender Krankengymnastik, um eine Versteifung der Schulter zu vermeiden. Regelmäßige Röntgen-Kontrollen sind notwendig, um ein nachträgliches Verrutschen der Bruchstücke (sekundäre Dislokation) rechtzeitig zu erkennen.
Operative Therapie
Gründe für eine Operation sind: verschobene 3- und 4-Teile-Brüche bei jüngeren, aktiven Patienten, Brüche mit Beteiligung von Blutgefäßen oder Nerven sowie Brüche, bei denen zusätzlich das Gelenk ausgekugelt ist (Luxationsfrakturen). Verfahren: die winkelstabile Verplattung des Knochens (Fixierung mit einer besonders stabil verschraubten Metallplatte, der PHILOS-Platte) für die meisten Brüche; der Marknagel (ein Nagel, der von innen im Markraum des Knochens eingesetzt wird, der sogenannte PHN) bei bestimmten Bruchtypen; eine Teilprothese (Hemiprothese) oder eine umgekehrte Schulterprothese (inverse Schulterprothese) bei 4-Teile-Brüchen mit dem Risiko, dass der Oberarmkopf abstirbt (Humeruskopfnekrose), bei älteren Patienten. Die umgekehrte Schulterprothese zeigt bei älteren Patienten mit 4-Teile-Brüchen bessere Ergebnisse als die Teilprothese.
Klavikulafraktur (Schlüsselbeinbruch)
Der Schlüsselbeinbruch ist einer der häufigsten Knochenbrüche überhaupt – er macht 2,6–5 % aller Knochenbrüche aus. 80 % betreffen das mittlere Drittel (den Schaft des Schlüsselbeins), 15 % das äußere (körperferne, laterale) Drittel und 5 % das innere (körpernahe, mediale) Drittel. Typischer Ablauf: ein Sturz auf die Schulter oder ein direkter Schlag. Die Einteilung erfolgt nach AO/OTA (einem international gebräuchlichen Klassifikationssystem für Knochenbrüche).
Konservative Therapie
Bei nicht oder nur geringfügig verschobenen Brüchen des mittleren Drittels ist die Behandlung ohne Operation der beste anerkannte Standard: Armschlinge für 3–6 Wochen, Schmerzbehandlung, früh beginnende Krankengymnastik. Die Heilungsrate liegt über 95 %. Bei verschobenen Brüchen des mittleren Drittels (Verkürzung von mehr als 2 cm, vollständige Verschiebung) ist das Risiko, dass der Bruch nicht zusammenheilt und sich ein falsches Gelenk bildet (Pseudarthrose), erhöht (auf bis zu 15 %).
Operative Therapie
Gründe für eine Operation: verschobene Brüche des mittleren Drittels mit einer Verkürzung von mehr als 2 cm bei aktiven Patienten, offene Brüche (bei denen der Knochen die Haut durchbricht), Beteiligung von Blutgefäßen oder Nerven, Brüche des äußeren (lateralen) Drittels mit einer Bandverletzung (Typ II nach Neer). Standardverfahren: die Verplattung des Knochens (Fixierung mit einer Metallplatte), wobei die Platte vorne (anterior) oder oben (superior) angebracht wird. Zusammenfassende Auswertungen mehrerer Studien (Metaanalysen) zeigen nach operativer Versorgung verschobener Brüche seltener ein Nicht-Zusammenheilen (geringere Pseudarthrosen-Raten) und eine schnellere Rückkehr zur Arbeit, aber häufigere Komplikationen (Reizung durch das eingebrachte Metall, Wundinfektion).
Rehabilitation
Nach der Behandlung ohne Operation: Krankengymnastik ab der 2.–3. Woche (Pendel-Übungen, bei denen der Arm ohne eigene Muskelkraft bewegt wird), aktive Übungen mit eigener Muskelkraft ab der 4.–6. Woche, volle Belastung, nachdem im Röntgenbild das feste Zusammenwachsen des Knochens (Konsolidierung) gesichert ist (nach 8–12 Wochen). Nach der operativen Versorgung: früh beginnende Bewegung ab dem 1. Tag, volle Belastung nach 6–8 Wochen. Rückkehr zum Sport nach 3–4 Monaten. Beim Schlüsselbeinbruch: Rückkehr zu Sportarten mit Körperkontakt nach 3–4 Monaten.
- Sie haben einen Bruch am oberen Oberarm oder am Schlüsselbein – beides sind sehr häufige Verletzungen, die meist gut heilen.
- Wenn die Knochenteile nicht oder kaum verschoben sind, ist eine Behandlung ohne Operation genauso gut: Der Arm wird kurz mit einer Schlinge ruhiggestellt, danach folgt Krankengymnastik.
- Beginnen Sie die Bewegungsübungen so früh wie empfohlen, damit die Schulter nicht steif wird, und gehen Sie zu den vereinbarten Röntgen-Kontrollen.
- Eine Operation ist meist nur nötig, wenn die Knochenteile stark verschoben sind oder Nerven und Gefäße betroffen sind – besprechen Sie den besten Weg mit Ihrem Arzt.
