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Kniechirurgie · Wien & Tulln

Kniescheibenluxation

Die Patella springt aus ihrer Führung – eine Verletzung mit hohem Rezidivrisiko, das individuell eingeschätzt werden muss.

Medizinische Information · Stand: Juli 2026 · OA Dr. Georg C. Bézard

Was passiert bei einer Patellaluxation?

Die Kniescheibe (in der Fachsprache Patella) gleitet normalerweise in einer knöchernen Rinne am Oberschenkelknochen (fachsprachlich Trochlea femoris). Bei einer Luxation (das ist ein Herausspringen aus dem Gelenk) springt sie – fast immer nach außen (lateral) – aus dieser Führung heraus. Dabei reißt regelmäßig das mediale patellofemorale Band (abgekürzt MPFL), das wichtigste haltende Band der Kniescheibe, das sie ganz ohne Muskelkraft an ihrem Platz hält. Begleitende Absprengungen von Knorpel-Knochen-Stücken (fachsprachlich osteochondrale Begleitfrakturen) entstehen in 20–40 % der Fälle und sind für die Planung der Behandlung entscheidend.

Die erstmalige Luxation (das erste Herausspringen der Kniescheibe) betrifft typischerweise junge, sportlich aktive Patienten im Alter zwischen 10 und 20 Jahren. Das Risiko, dass die Kniescheibe nach dem ersten Herausspringen erneut herausspringt (das Rezidivrisiko), liegt je nach persönlichem Risikoprofil zwischen 15 und 50 % – bei Patienten unter 15 Jahren sogar bis zu 70 %. Bestimmte angeborene Formen des Knochenbaus (anatomische Risikofaktoren) erhöhen dieses Risiko eines erneuten Herausspringens erheblich.

Auf einen Blick
  • Fast immer laterale Luxation mit MPFL-Ruptur
  • Absprengungen von Knorpel-Knochen-Stücken in 20–40 % – dann ist eine Operation dringend nötig
  • Erstes Herausspringen ohne abgesprengte Stücke: Behandlung ohne Operation als Standard
  • Wiederholtes Herausspringen: der Wiederaufbau des Haltebandes MPFL ist die beste Behandlung
  • Angeborene Besonderheiten des Knochenbaus (ein TT-TG-Abstand über 20 mm, eine Fehlbildung der Führungsrinne) bestimmen das Vorgehen bei der Operation

Risikofaktoren und Anatomie

Das Risiko eines erneuten Herausspringens der Kniescheibe nach einer Luxation wird durch mehrere Besonderheiten des Knochenbaus bestimmt, die in der Kernspintomographie (MRT) und im Röntgen beurteilt werden:

  • TT-TG-Abstand (englisch für Tibial Tubercle – Trochlear Groove): das ist der Abstand zwischen dem Höcker am Schienbein, an dem die Kniescheibensehne ansetzt (fachsprachlich Tuberositas tibiae), und der Mitte der Führungsrinne. Normal ist ein Abstand unter 15 mm; ein Wert über 20 mm gilt als bedeutsamer Risikofaktor und begründet eine Versetzung des Sehnenansatzes am Schienbein (fachsprachlich distales Realignment)
  • Fehlbildung der Führungsrinne (Trochleadysplasie): eine Abflachung oder ein Fehlen der knöchernen Führungsrinne – der stärkste angeborene Risikofaktor dafür, dass die Kniescheibe erneut herausspringt
  • Hochstehende Kniescheibe (Patella alta): die Kniescheibe steht zu weit oben (gemessen mit dem Caton-Deschamps-Index über 1,2)
  • Verdrehungen der Beinknochen: eine vermehrte Einwärtsdrehung des Oberschenkelknochens oder eine Auswärtsdrehung des Schienbeins

Patienten mit mehreren dieser Risikofaktoren haben ein deutlich erhöhtes Risiko, dass die Kniescheibe erneut herausspringt, und profitieren eher von einer Stabilisierung durch eine Operation.

Symptome und Diagnose

Das plötzliche Herausspringen der Kniescheibe ist schmerzhaft und deutlich erkennbar: Die Kniescheibe ist sichtbar nach außen verschoben, das Knie kann nicht gestreckt werden. Oft rutscht die Kniescheibe beim Strecken des Beines von selbst wieder an ihren Platz zurück (fachsprachlich reponiert sie spontan). Nach dem Zurückgleiten bestehen Schmerzen, eine Schwellung durch Bluterguss im Gelenk (fachsprachlich Hämarthros) und ein Gefühl der Unsicherheit im Gelenk.

Zur Diagnose gehören Röntgenaufnahmen aus zwei Blickrichtungen, um knöcherne Verletzungen und lose Teile im Gelenk auszuschließen. Die Kernspintomographie (MRT) ist zwingend erforderlich: Sie zeigt den Riss des Haltebandes MPFL (in nahezu 100 % der Fälle), begleitende Knorpel-Knochen-Verletzungen, den TT-TG-Abstand und die Form der Führungsrinne. Die Computertomographie (CT) kann ergänzend eingesetzt werden, um den TT-TG-Abstand genau zu messen und Verdrehungen der Beinknochen zu beurteilen.

Behandlung

Die Entscheidung über die Behandlung bei einer Kniescheibenluxation ist vielschichtig und hängt davon ab, ob es sich um das erste oder ein erneutes Herausspringen handelt, ob Knorpel-Knochen-Stücke abgesprengt sind, welche angeborenen Risikofaktoren vorliegen und wie aktiv der Patient ist. Eine Operation ist zwingend erforderlich bei abgesprengten Knorpel-Knochen-Stücken, die wieder befestigt oder entfernt werden müssen.

Konservative Therapie (Erstluxation ohne Fragmente)

Das erste Herausspringen ohne abgesprengte Knorpel-Knochen-Stücke und ohne ausgeprägte angeborene Risikofaktoren wird zunächst ohne Operation behandelt. Die ESSKA-Leitlinie 2024 (eine Behandlungsempfehlung der europäischen Fachgesellschaft) bestätigt dieses Vorgehen. Die Behandlung ohne Operation umfasst: das Zurückbringen der Kniescheibe an ihren Platz (falls dies nicht von selbst geschieht), eine Ruhigstellung in einer Kniestützschiene (Knieorthese) für 2–4 Wochen und anschließend eine strukturierte Physiotherapie mit Schwerpunkt auf der Kräftigung des inneren Anteils des vorderen Oberschenkelmuskels (fachsprachlich Vastus medialis obliquus, kurz VMO), der Muskeln, die das Bein zur Seite abspreizen (Hüftabduktoren), und der gesamten Beinachse. Ergänzend können Klebeband-Techniken (Taping) eingesetzt werden. Die Rückkehr zum Sport ist nach 6–12 Wochen möglich.

Wichtig: Die Behandlung ohne Operation verringert das Risiko eines erneuten Herausspringens, kann es aber nicht ganz beseitigen. Patienten mit hohem Risiko (jung, mit einer Fehlbildung der Führungsrinne, mit einem TT-TG-Abstand über 20 mm) sollten über die Möglichkeit eines vorbeugenden Wiederaufbaus des Haltebandes MPFL aufgeklärt werden.

Operative Therapie

Zwingende Gründe für eine Operation: abgesprengte Knorpel-Knochen-Stücke (die wieder befestigt oder entfernt werden müssen), eine Kniescheibe, die sich nicht wieder an ihren Platz bringen lässt.

Mögliche Gründe für eine Operation: wiederholtes Herausspringen, erstes Herausspringen mit hohem Risiko eines erneuten Herausspringens, ein vollständiger Riss des Haltebandes MPFL bei gleichzeitigen angeborenen Risikofaktoren, ein Versagen der Behandlung ohne Operation.

Das Standardverfahren bei wiederholtem Herausspringen der Kniescheibe ist der Wiederaufbau des Haltebandes MPFL mit einer körpereigenen Sehne als Ersatz (meist der Gracilissehne, einer schlanken Sehne an der Innenseite des Oberschenkels). Damit wird die innere Führung der Kniescheibe wiederhergestellt und das Risiko eines erneuten Herausspringens auf unter 10 % gesenkt. Bei einem TT-TG-Abstand über 20 mm wird ergänzend der Sehnenansatz am Schienbein nach innen versetzt (fachsprachlich Anteromedialisierung nach Fulkerson oder Elmslie-Trillat). Bei einer schweren Fehlbildung der Führungsrinne kann es nötig sein, die Rinne operativ zu vertiefen (Trochleaplastik). Das alleinige Durchtrennen des äußeren Halteapparats (fachsprachlich isoliertes laterales Release, also das Durchtrennen des äußeren Retinaculums) wird nicht empfohlen – es macht die Kniescheibe zusätzlich instabil.

Rehabilitation

Nach der Behandlung ohne Operation: Physiotherapie über 6–12 Wochen, Rückkehr zum Sport nach 6–12 Wochen. Nach dem Wiederaufbau des Haltebandes MPFL: Teilbelastung für 2 Wochen, volle Belastung nach 4–6 Wochen, Rückkehr zum Sport nach 4–6 Monaten. Die Rehabilitation umfasst die Kräftigung des inneren Anteils des vorderen Oberschenkelmuskels (VMO), die Stabilisierung der Hüfte, ein Training des Gelenkgefühls und der Bewegungssteuerung (propriozeptives Training) sowie ein auf die jeweilige Sportart abgestimmtes Training. Dazu kommen regelmäßige ärztliche Kontrollen und gegebenenfalls Kernspin-Kontrollen (MRT) nach 6 Monaten.

Häufige Fragen

Muss eine Erstluxation immer operiert werden?

Nein. Das erste Herausspringen ohne abgesprengte Knorpel-Knochen-Stücke wird zunächst ohne Operation behandelt. Eine Operation beim ersten Herausspringen ist nur nötig bei abgesprengten Knorpel-Knochen-Stücken, bei hohem Risiko eines erneuten Herausspringens und auf Wunsch des Patienten.

Wie hoch ist das Risiko einer erneuten Luxation?

Das Risiko eines erneuten Herausspringens nach dem ersten Mal liegt je nach persönlichem Risikoprofil zwischen 15 und 50 %. Junge Patienten, eine Fehlbildung der Führungsrinne und ein hoher TT-TG-Abstand erhöhen das Risiko erheblich. Nach dem Wiederaufbau des Haltebandes MPFL liegt das Risiko eines erneuten Herausspringens unter 10 %.

Was ist das MPFL und warum ist es so wichtig?

Das mediale patellofemorale Band (MPFL) ist das wichtigste haltende Band der Kniescheibe, das sie ohne Muskelkraft an ihrem Platz hält. Es reißt bei nahezu jedem Herausspringen der Kniescheibe. Wenn es nicht heilt oder wiederaufgebaut wird, bleibt die Kniescheibe instabil und springt leichter erneut heraus.

Fazit – das Wichtigste für Sie
  • Bei einer Kniescheibenluxation ist Ihre Kniescheibe aus ihrer Führung gesprungen, fast immer nach außen. Dabei reißt meist ein wichtiges Halteband der Kniescheibe.
  • Wenn keine Knochen- oder Knorpelstücke abgesprengt sind, wird eine erste Luxation meist ohne Operation behandelt: mit einer Schiene für einige Wochen und anschließend gezielter Physiotherapie.
  • Eine Operation ist nötig, wenn Knorpel- oder Knochenstücke abgesprengt sind, oder wenn die Kniescheibe immer wieder herausspringt. Nach der Behandlung kann die Kniescheibe erneut herausspringen – besonders bei jüngeren Menschen.
  • Achten Sie darauf, die Übungen der Physiotherapie regelmäßig durchzuführen und gehen Sie zu den empfohlenen Kontrollen, um Ihr persönliches Risiko einschätzen zu lassen.
OA Dr. Georg C. Bézard
OA Dr. Georg C. Bézard
Facharzt für Orthopädie und Traumatologie · Facharzt für Unfallchirurgie · Wien & Tulln

Literatur & Evidenz

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