Bizepssehnenentzündung
Warum die lange Bizepssehne so oft Schmerzen an der vorderen Schulter verursacht - und wie eine ruhige, evidenzbasierte Behandlung aussieht.
Was ist eine Bizepssehnenentzündung?
Der Bizeps (der zweiköpfige Oberarmmuskel an der Vorderseite des Oberarms) ist über zwei Sehnen mit dem Schulterbereich verbunden. Fast alle Beschwerden betreffen die lange Bizepssehne - jenen Sehnenstrang, der durch eine knöcherne Rinne am Oberarmkopf (den sogenannten Sulcus, eine Furche im Knochen) verläuft und bis ins Schultergelenk hineinzieht.
Der Begriff Bizepssehnenentzündung (Tendinitis) ist eigentlich nur teilweise richtig. Bei länger bestehenden Beschwerden findet sich meist keine klassische Entzündung, sondern eine Tendinopathie - ein durch Überlastung und Verschleiß veränderter, gereizter Sehnenzustand. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie erklärt, warum entzündungshemmende Maßnahmen allein oft nicht ausreichen.
Mehr Hintergrund finden Sie in meinem Artikel zur langen Bizepssehne.

- Die meisten Beschwerden betreffen die lange Bizepssehne (Ursprungssehne des Bizepsmuskels im Schultergelenk).
- Reine Entzündungen sind selten - meist liegt eine Tendinopathie (Verschleiß- und Überlastungsschaden der Sehne) vor.
- Die Bizepssehnenreizung tritt häufig gemeinsam mit anderen Schulterproblemen auf und sollte nie isoliert betrachtet werden.
- Die Erstbehandlung ist konservativ (ohne Operation): Belastungssteuerung und gezieltes Krafttraining.
- Eine Operation (Tenodese) ist nur bei anhaltenden Beschwerden nach ausgeschöpfter konservativer Therapie sinnvoll.
Ursachen: selten allein, meist Teil eines größeren Bildes
Die lange Bizepssehne liegt in einem engen, mechanisch stark beanspruchten Bereich der Schulter. Deshalb reagiert sie empfindlich auf Ueberlastung und auf Probleme in der Nachbarschaft.
- Überlastung: wiederholte Über-Kopf-Bewegungen, Sport (z. B. Wurf- oder Schlagsportarten), körperliche Arbeit.
- Begleitpathologie (mitursächliche Nachbarerkrankung): Reizung der Rotatorenmanschette (der Muskelgruppe, die den Oberarmkopf zentriert), Engpass unter dem Schulterdach (Impingement), Schäden an der Gelenklippe (Labrum, dem Faserknorpelring der Gelenkpfanne).
- Altersbedingte Sehnenveränderungen: die Sehne wird mit den Jahren weniger belastbar.
Genau deshalb betrachte ich in meiner Ordination die Bizepssehne nie isoliert, sondern immer die gesamte Schulter.
Abgrenzung: Reizung, Teilriss oder kompletter Riss?
Die Beschwerden reichen von einer reinen Reizung bis zum vollständigen Riss der langen Bizepssehne.
- Reizung/Tendinopathie: ziehender, belastungsabhängiger Schmerz an der vorderen Schulter, oft mit Druckschmerz in der knöchernen Rinne.
- Teilriss: zunehmende Schmerzen, teils Kraftverlust.
- Kompletter Riss: oft plötzlicher Schmerz, manchmal ein hörbares Schnappen, danach kann sich der Muskelbauch sichtbar zum Ellenbogen hin verlagern (das typische Popeye-Zeichen).
Interessant: Nach einem kompletten Riss der langen Bizepssehne lassen die Schmerzen häufig nach, weil die gereizte Sehne nicht mehr unter Spannung steht. Ein Funktionsverlust im Alltag bleibt bei vielen Menschen gering.
Diagnose in der Ordination
Am Anfang steht das ausführliche Gespräch (Anamnese) und die körperliche Untersuchung. Verschiedene Funktionstests (z. B. der Speed-Test oder der Yergason-Test - standardisierte Bewegungsprüfungen) geben Hinweise auf die Bizepssehne. Weil diese Tests aber nicht eindeutig sind, wird der Befund immer im Gesamtbild bewertet.
Ergänzend nutze ich:
- Ultraschall (Sonografie): zeigt die Sehne dynamisch in Bewegung und ist strahlungsfrei.
- Röntgen: zur Beurteilung knöcherner Strukturen und Begleitveränderungen.
- MRT (Magnetresonanztomografie, ein Schnittbildverfahren ohne Strahlung): bei Verdacht auf Begleitschäden an Rotatorenmanschette oder Labrum.
Ziel der Diagnostik ist nicht, möglichst viele Bilder zu sammeln, sondern die eine Frage zu klären: Was verursacht die Beschwerden - und was ist behandelbar?
Behandlung: zuerst konservativ
Die große Mehrheit der Bizepssehnenbeschwerden bessert sich ohne Operation. Der Schwerpunkt liegt auf Belastungssteuerung und aktivem Training.
- Belastungsmanagement: nicht komplette Ruhigstellung, sondern schmerzangepasste Anpassung der Belastung. Reizende Bewegungen werden vorübergehend reduziert, nicht dauerhaft vermieden.
- Krafttraining, insbesondere exzentrisches Training: kontrolliertes Training in der Verlängerungsphase des Muskels. Dieses Prinzip hat sich bei Sehnenproblemen als sinnvoll etabliert und wird von der Physiotherapie individuell angeleitet.
- Schmerzmedikation: kurzfristig und gezielt, nicht als Dauerlösung.
Zur Infiltration (Spritze): Eine kortisonhaltige Infiltration kann kurzfristig Schmerz nehmen, wiederholte Spritzen können jedoch die Sehne schwächen. In meiner Ordination gibt es keine Spritzenkuren und keine Stoßwellen-Abos - solche Maßnahmen werden nur bei klarer Begründung und nicht wiederholt eingesetzt.
Wann eine Operation sinnvoll ist
Eine Operation kommt erst infrage, wenn eine konsequente konservative Therapie über mehrere Monate keine ausreichende Besserung gebracht hat - oder wenn relevante Begleitschäden vorliegen.
Das häufigste Verfahren ist die Tenodese (operative Neubefestigung der langen Bizepssehne an einer anderen Stelle des Oberarmknochens). Dadurch wird der schmerzhafte Verlauf im Gelenk ausgeschaltet, die Muskelform bleibt erhalten. Eine Alternative ist die Tenotomie (das gezielte Durchtrennen der Sehne), die einfacher ist, aber häufiger zum Popeye-Zeichen führt.
Welches Verfahren geeignet ist, hängt von Alter, Aktivität und Begleitbefunden ab. Ich operiere nur bei klarer Indikation - und eine Zweitmeinung ist bei mir jederzeit ausdrücklich erwünscht. Einen Überblick zu meiner Arbeit finden Sie unter Schulterspezialist Wien.
Häufige Fragen
Ist eine Bizepssehnenentzündung gefährlich?
Nein. Sie ist schmerzhaft und lästig, aber in der Regel nicht bedrohlich. Auch ein kompletter Riss der langen Bizepssehne führt bei vielen Menschen zu keinem relevanten Kraftverlust im Alltag. Wichtig ist, Begleitschäden der Schulter mit abzuklären.
Wie lange dauert die Heilung?
Das ist individuell verschieden. Reizungen bessern sich oft innerhalb weniger Wochen bei angepasster Belastung, hartnäckigere Tendinopathien brauchen mehrere Monate konsequentes Training. Geduld und regelmäßige Übungen sind hier entscheidender als schnelle Einzelmaßnahmen.
Hilft eine Kortisonspritze?
Sie kann kurzfristig Schmerz lindern, löst aber nicht die Ursache und kann bei Wiederholung die Sehne schwächen. Deshalb setze ich Infiltrationen nur zurückhaltend und nicht als Kur ein. Der Schwerpunkt liegt auf aktivem Training.
Muss ich sofort operiert werden?
In den allermeisten Fällen nicht. Zuerst wird konservativ behandelt. Eine Operation kommt erst nach ausgeschöpfter Therapie oder bei klaren Begleitschäden infrage - und immer nach ausführlicher Aufklärung. Eine Zweitmeinung ist ausdrücklich willkommen.
Literatur & Evidenz
- Systematische Uebersichtsarbeiten zur Diagnostik und Behandlung von Erkrankungen der langen Bizepssehne PubMed
- Studien zur konservativen Behandlung und zum exzentrischen Training bei Tendinopathien PubMed
- Vergleichende Arbeiten zu Tenodese und Tenotomie der langen Bizepssehne PubMed
- Uebersichtsarbeiten zu Kortison-Infiltrationen bei Sehnenerkrankungen der Schulter PubMed
